La repression

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tooempty
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Re: La repression

#2501 Beitrag von tooempty »

Behördliche Kollektivstrafen sind im Schweizer Fussball gerade allgegenwärtig. In der heutigen Runde trifft es die Fans des FC St. Gallen, denen der Zutritt zum Gästesektor in Luzern durch die KKJPD verboten wird. Alleine in den vergangenen vier Runden davor traf es bereits drei Spiele – Tausende Fans sollten aus den Stadien ausgesperrt werden. Die Kadenz der Kollektivstrafen nimmt zu und die Behörden handeln zunehmend willkürlich. Alle grossen Schweizer Fanszenen verlassen darum heute ihre Kurven und Gästesektoren und verfolgen die Spiele von anderorts im Stadion.

Die Fans in der Schweiz sind wild, laut und vor allem zahlreich. Die Super League verzeichnet einen grossen Zuwachs an Zuschauer:innen, Saison für Saison werden neue Rekordzahlen registriert. Die Fans sind ein wichtiges Element des Erfolgsmodells des Schweizer Fussballs. Viele Vereine sind auf die Stadioneinnahmen angewiesen, bei noch mehr Vereinen sind die Fankurven ein wesentlicher Teil des Stadionbesuchs – mag der Fussballsport in der Schweiz nicht immer brilliant sein, seine Fans sind es oft genug. Sie sind organisiert und aktiv, wie kürzlich als sie dazu beitrugen, die Einführung der Playoffs im Schweizer Spitzenfussball zu verhindern.

Nicht alle Facetten der Fankultur werden von allen gleichermassen positiv beurteilt. Während Fahnenmeere, Choreografien, Gesänge und Feuerwerk im Stadion auf viel Wohlwollen treffen, kann dasselbe von der Gewalt, die die Fankultur begleitet, kaum behauptet werden. Zugleich ist die Debatte um die Gewalt im Fussball alt und wiederkehrend, was zeigt, dass es sich um kein neues Phänomen handelt. Der 13. Mai 2006, als der FC Zürich in Basel in letzter Minute den Meistertitel gewann und es daraufhin auf dem Spielfeld zu Auseinandersetzungen zwischen Fans und Spielern kam, ist dabei ein wesentlicher Eck- und Wendepunkt für den hiesigen Umgang mit der Fankultur.

Als Folge dieser Ereignisse folgte eine Reaktion der Vereine, Liga und Behörden, die seither im Wesentlichen auf zwei Elemente setzte – Repression seitens der Sicherheitsbehörden, Dialog seitens der Vereine und Liga. Zugleich intensivierte sich die Reflektion unter den organisierten Fanszenen, eine Selbstregulierung setzte ein, die mit dazu beitrug, dass sich die Situation im und um das Stadion weitestgehend beruhigte. Ausnahmen dazu gab und gibt es. Aber sie sind nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Während jedoch die Selbstregulierung der Kurven im Stillen wirkt, sich in ausbleibenden Ereignissen niederschlägt und folglich keine dramatischen Bilder produziert, werden umgekehrt die Bilder der Ausnahmen dramatisiert und aufgebauscht – Schuld sind stets die Fans, Gegendarstellungen wie etwa durch die Fanarbeit (wie beim Spiel GC – BSC Young Boys) werden medial kaum je gleichermassen ernsthaft aufgenommen und wiedergegeben wie die Behauptungen der Sicherheitsbehörden.

Die Kantonale Konferenz der Justiz- und Polizeidirektor:innen (kurz: KKJPD) hat nun seit Beginn dieser Saison die Repressionsschraube gegen Fussballfans weiter massiv angezogen. Es ist keine neue Strategie, sondern eine markante Intensivierung der stets selben ineffektiven repressiven Ansätze. Die Vereine und Liga werden zu Statist:innen degradiert, während Hardliner:innen aus den einen Kantonen den Vereinen in den anderen Kantonen die Schliessung ihrer Stadionsektoren verfügen. Es ist eine Eskalation ohne jede Not. Selbst die Forscher:innen, die sich mit Gewalt im Sport beschäftigen und die Massnahmen der KKJPD evaluieren, bescheinigen dem Schweizer Fussball ein ausserordentlich tiefes Niveau der gewalttätigen Ereignisse, wenn man sie im Verhältnis zu vergangenen Saisons setzt. Und dies wohlgemerkt in einer Zeit, in der stets mehr Fans in die Stadien strömen.

Die Eskalation der KKJPD führt in die Sackgasse. Die gemeinsamen Aktionen der Fans an den vergangenen Spieltagen zeigen auf, wie leicht die Massnahmen der KKJPD umgangen werden und ins Leere laufen. Ihre Massnahmen sorgen einzig für mehr Unruhe und Kosten. Stets mehr Repression wird es nicht richten, der Griff zu den immer selben Rezepten aus dem Repressionsarsenal, die in den vergangenen Jahren immer wieder ihre Unwirksamkeit bewiesen haben, wird die Lage nicht bessern. Wer sich ernsthaft mit der Fankultur auseinandersetzen will, muss weg von Nulltoleranz, Befehl und kollektiver Erpressung via kollektiver Strafe und zurück zu Augenmass, Pragmatismus und Dialog – wie es im Übrigen seit vielen Jahren erfolgreich zwischen Fans und Vereinen praktiziert wird.

Die Kollektivstrafen betreffen alle Fans im Stadion. Macht die KKJPD so weiter wie nach dem Spiel zwischen dem FCZ und dem FC Basel vor drei Wochen, als nach Ereignissen weit ausserhalb des Stadions und weit nach Spielende kurzerhand die Zürcher Südkurve gesperrt wurde, kann es gut und gerne aus nichtigen Gründen alle Sektoren aller Stadien aller Vereine treffen. Die Kollektivstrafe zielt auf alle, um einzelne zu treffen, was umgekehrt heisst, dass sich das Verhalten einiger weniger für alle einschneidend auswirken kann. Es ist eine behördliche Erpressung und eine schlechte noch dazu – als könnten irgendwelche Fankurven und erst recht irgendwelche Fans eine Garantie für ein absolutes Ausbleiben aller Ereignisse ausstellen. Diese Vision einer Nullrisikogesellschaft hat nichts mit der gesellschaftlichen Realität zu tun, öffnet aber Tür und Tor der behördlichen Willkür. Weil das unrealistische Versprechen nicht gehalten werden kann, braucht es stets mehr behördliche Massnahmen, die stets nie genügend erreichen, weil eben doch immer irgendwo irgendwas geschieht, weshalb es dann eben wiederum stets mehr behörden Massnahmen braucht. Es ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung der Sicherheitsbehörden.

Bei der KKJPD herrscht eine verschobene Wahrnehmung bezüglich der gegenwärtigen Lage im Schweizer Fussball. Erst recht ist ihre Wahrnehmung bezüglich der Wirksamkeit ihrer Massnahmen verschoben. Auch wir Fanszenen können uns verschieben – und verfolgen heute, wenn in Luzern der Gästesektor geschlossen bleiben soll, schweizweit die Spiele dieser Runde von ausserhalb unserer üblichen Kurven und Gästesektoren. Wenn man die Fankurven aus den Stadien treiben will, tragen wir die Kurven in weitere Teile des Stadions. Wir wollen mit dieser Aktion anregen, was die Kollektivstrafen der KKJPD für den Schweizer Fussball und seine Fans bedeuten. Wir wollen uns als Fans austauschen, mit allen im Stadion, von den Logen zu den Tribünen, von den Alteingesessenen zu den Familien, von jenen, die ihre Hände verwerfen, wenn die Kurve wieder zündet, bis zu jenen, die früher selber in den Kurven standen. Und wir wollen unmissverständlich klarmachen – uns wird man aus den Stadien nicht los.

AUF KOLLEKTIVSTRAFEN FOLGEN KOLLEKTIVE ANTWORTEN!

Szene Aarau, Canton Baden, Muttenzerkurve Basel, Ostkurve Bern, KOP SUD LAUSANNE, Curva Nord Lugano, USL (Luzern), Tribune Neuch‘, Gradin Nord(Sion), Espenblock St.Gallen, Block Süd (Thun), Bierkurve Winterthur, Zürcher Südkurve, Sektor IV GC Züri
Gutes Statement der Kurven

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bocca
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Re: La repression

#2502 Beitrag von bocca »

Das Kaskadenmodell wird eingeführt:
SFL und Klubs führen Massnahmen ein, lehnen aber das Kaskadenmodell ab


Nach einer breit angelegten Vernehmlassung lehnen die Swiss Football League (SFL) und ihre Klubs das Kaskadenmodell der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen- und -direktoren (KKJPD) ab. Sie erachten das Modell und seine Anwendung in der Praxis als nicht zielführend, einseitig und unverhältnismässig. Parallel dazu wurden in zwei weiteren Teilprojekten unter dem Arbeitstitel «Progresso» wichtige Dialogplattformen geschaffen, um Sicherheitsthemen gemeinsam mit allen Stakeholdern in einem konstruktiven Rahmen anzugehen. So führte die SFL bereits im letzten Herbst lokale Stadionallianzen ein und verstärkt die Partnerschaft mit den SBB bei den Fanreisen.

Die Swiss Football League (SFL) verurteilt Gewaltvorfälle wie Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und Tätlichkeiten im Umfeld von Fussballspielen mit aller Deutlichkeit. Das «Gesamtschweizerische Lagebild Sport (GSLS-Reporting)» der Polizeilichen Koordinationsplattform Sport (PKPS) zeigt, dass es in der Super League seit Beginn der Erhebung dieser Zahlen im Jahr 2018 noch nie so wenige Fälle von schweren gewalttätigen Auseinandersetzungen gab wie in der abgelaufenen Saison 2022/23.

Partnerschaftliche Weiterentwicklung mit den SBB
Die SFL und die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen- und -direktoren (KKJPD) verfolgen gemeinsam das Ziel, Fanausschreitungen ausserhalb der Stadien zu minimieren. Zu diesem Zweck wurde vor einigen Monaten das Projekt «Progresso» lanciert. In diesem Rahmen haben sich die SFL und die SBB auf eine partnerschaftliche Weiterentwicklung im Bereich Transport/Fanreisen geeinigt. Die SFL und die Klubs beteiligen sich unter anderem direkt oder über Marketingleistungen an den Kosten der SBB.

Stadionallianzen stärken den lokalen Dialog
In einem zweiten Projekt stimmten die Klubs dem Antrag der SFL zu, lokale Stadionallianzen zu etablieren. Seit dem positiven Entscheid im vergangenen November wurden diese permanenten Dialogplattformen an allen Standorten der Super League auf- oder ausgebaut, um den intensiven Austausch mit allen an der Organisation von Fussballspielen beteiligten Partnern weiter zu intensivieren. Damit soll sichergestellt werden, dass alle Beteiligten im konstruktiven Dialog sinnvolle und zielführende Lösungen im Sicherheitsbereich entwickeln können.

Breite Vernehmlassung zum Kaskadenmodell
Die SFL hat auch die Erarbeitung des sogenannten Kaskadenmodells der KKJPD kritisch begleitet. Das Kaskadenmodell besteht aus verschiedenen Stufen, wobei bestimmte Vorkommnisse automatisch vordefinierte Massnahmen auslösen. Die ersten Stufen des Modells beinhalten Massnahmen des Dialogs, die weiteren Stufen umfassen repressive Massnahmen. Nach einer breit angelegten Vernehmlassung sind die SFL und die Klubs einstimmig zum Schluss gekommen, das Kaskadenmodell abzulehnen. In der Vernehmlassung wurde insbesondere stark kritisiert, dass unter Berufung auf das Modell einzelne Elemente, wie z.B. die Schliessung von Fankurven, bereits mehrfach angewendet wurden, obwohl das Modell als Ganzes noch nicht verabschiedet, beziehungsweise eingeführt war.

Aus Sicht der SFL und der Klubs ist das Kaskadenmodell nicht zielführend, einseitig und unverhältnismässig: Es vermischt Prävention und Repression und fokussiert nicht auf die Verhinderung zukünftiger Gewalttätigkeiten, wie es das Konkordat über Massnahmen gegen Gewalt anlässlich von Sportveranstaltungen mit seinem präventiven Charakter vorsieht. Dieser präventive Charakter wurde vom Bundesgericht in einem Entscheid bestätigt.

Das sogenannte «Hooligan-Konkordat» wurde vor 15 Jahren von der KKJPD verabschiedet und ist in fast allen Kantonen die geltende gesetzliche Grundlage. Mit dem vorgeschlagenen Kaskadenmodell sollen nun aber auch Vorfälle bestraft werden, die nicht in direktem Zusammenhang mit dem Spiel oder dem Stadion stehen. Besonders stossend ist dabei die Anwendung von Kollektivstrafen. Diese treffen nicht in erster Linie den oder die Täter (die unter Umständen nicht einmal das Spiel besucht haben), sondern viele Unbeteiligte.

Zudem ist bekannt, dass solche Kollektivstrafen zu einer Solidarisierung unter den Fans mit zusätzlichem Eskalationspotenzial führen können. Auch die Kausalhaftung für die Klubs ist nicht akzeptabel. Denn das Kaskadenmodell suggeriert eine Handlungsmöglichkeit der Klubs in Konfliktsituationen ausserhalb der Stadien. Diese Handlungsmöglichkeit besteht aber nicht – und dennoch würde die volle Verantwortung auf die Klubs übertragen. Ausserhalb der Stadien sind jedoch die Behörden für die Sicherheit verantwortlich und entscheiden auch über die Einsätze. An diesen behördlich geplanten Einsätzen beteiligen sich die Klubs seit Jahren mit hohen Millionenbeträgen. Zudem werden die Bemühungen der Klubs, Konfliktsituationen zu vermeiden, im Kaskadenmodell in keiner Weise berücksichtigt. Und schliesslich bestehen auch in der Wissenschaft Zweifel an der Wirksamkeit von Kollektivstrafen und der Kausalhaftung.

Bestehende Instrumente des Konkordats konsequent anwenden
Die SFL erachtet das «Hooligan-Konkordat» als ausreichende gesetzliche Grundlage, um die Sicherheit innerhalb und ausserhalb der Stadien zu gewährleisten. Um die heutige Situation zu verbessern, müssen die bestehenden Instrumente und Massnahmen noch konsequenter angewendet werden, insbesondere bei der Verfolgung von Einzeltätern. Gewalttäter müssen konsequent verfolgt und bestraft werden. Die Klubs unterstützen die Polizei dabei laufend mit zahlreichen Hinweisen zur Identifizierung von Tätern, damit diese mit Stadion- und/oder Rayonverboten oder noch wirkungsvoller mit Meldeauflagen belegt werden können. Dieser Weg ist rechtskonform, verhältnismässig und erfolgversprechend, wie das oben erwähnte GSLS-Reporting und erfolgreiche Beispiele aus dem Ausland zeigen.

Die SFL und die Klubs werden auch in Zukunft jederzeit konstruktiv und kooperativ mit allen Beteiligten zusammenarbeiten, um die Sicherheit innerhalb und ausserhalb der Stadien zu gewährleisten. Die langjährige Erfahrung zeigt, dass präventive Massnahmen und der Weg des Dialogs immer zu den besten Resultaten geführt haben. Die Klubs und die SFL sind überzeugt, dass der eingeschlagene Weg und insbesondere die lokalen Stadionallianzen am besten geeignet sind, um die Herausforderungen gemeinsam zu meistern.

https://sfl.ch/de/articles/sfl_and_club ... s_and_sbb_

Sergio+
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Re: La repression

#2503 Beitrag von Sergio+ »

https://www.blick.ch/sport/fussball/sup ... 38836.html

Viele Fragezeichen, viel Ungewissheit - Das Kaskadenmodell kann den normalen Fussball-Fan hart treffen

Die behördlichen Massnahmen zur Eindämmung von Fan-Gewalt sind stark umstritten. Vor allem, weil sie den friedlichen Stadionbesucher genauso treffen wie den Hooligan. Die Sicht eines Fussball-Fans, der in Zukunft mit vielen Unwägbarkeiten klarkommen muss.

Andrea Cattani; Redaktor Sport

Meine Fan-Seele ist gerade ziemlich angespannt. Der nächste Spieltag steht an und mit ihm das übliche emotionale Gemisch aus Nervosität, Ärger und der nicht wirklich empirisch begründbaren Hoffnung, dass es an diesem Wochenende schon anders kommt als beim letzten Mal.

Beim Geschehen auf dem Rasen liebe ich diese Unvorhersehbarkeit. Daneben, auf den Rängen im Stadion, bevorzuge ich als Fan die Konstante. Der Treffpunkt mit den Freunden vor dem Spiel ist immer der gleiche, unser Platz in der Kurve sowieso. Und wenn ich es mir aussuchen könnte, hätte auch der gute Wurststand mit dem Holzkohlegrill vor dem Stadioneingang immer noch geöffnet.

Ungewissheit und viele Fragezeichen
Seit Kindesbeinen bin ich GC-Fan. Wie früher ist für mich schon lange nichts mehr. Und konstant schon gar nicht. Die von den Behörden für die nächste Saison geplanten Massnahmen zur Eindämmung der Fan-Gewalt sorgen bei mir als Stadiongänger jetzt aber für noch mehr Ungewissheit und hinterlässt viele Fragezeichen.

Am Samstag empfangen meine Hoppers den FC St. Gallen. Für beide Teams gehts um viel. Die gegenseitige Sympathie der beiden Fan-Lager hält sich, gelinde gesagt, in Grenzen. Werden in den Kurven Pyros und Böller gezündet? Ziemlich sicher.

Geht es nach dem neuen Kaskadenmodell, könnten die Fans ab der kommenden Saison in solchen Fällen bereits unter Beobachtung stehen. Eine «Bewährungsphase», für die ich mit meinem Bier in der Hand nichts kann. Und doch weiss ich: Es braucht jetzt nicht mehr viel und auch ich bekomme harte Konsequenzen zu spüren. «Zeitnahe Schliessung der Fankurve» lautet eine der Strafen, die im Katalog des Kaskadenmodells als Nächstes aufgeführt sind.

Abhängig vom Tun fremder Personen
Ich kenne die Ultras nicht, die mit den Fackeln, Rauchtöpfen und Böllern ihre Form des Supports zum Ausdruck bringen wollen. Ich kannte auch die GC-Fans nicht, die sich Ende Januar am Vorabend des Derbys nach einer Tramfahrt eine wüste Schlägerei mit FCZlern inklusive Sachbeschädigung lieferten. Mein Fan-Dasein wird jetzt aber unweigerlich an die Handlungen dieser Personen geknüpft.

Was ist, wenn unter der Woche wieder irgendwo in der Stadt zwei Gruppierungen aneinandergeraten? Lege ich mir am besten schon ein Alternativ-Programm fürs Wochenende zurecht, weil eine Kurvenschliessung droht?

Soll ich nicht mehr in die Kurve gehen?
Was ist, wenn der Extrazug auf dem Rückweg des Auswärtsspiels mal wieder einen ungeplanten Stopp per Notbremse einlegt und draussen die gegnerischen Fans schon warten? Gönne ich mir prophylaktisch ein Abo auf der Gegentribüne, damit mich die Behördenmassnahmen erst bei der fünften und letzten Stufe des Kaskadenmodells treffen, wenn nämlich Geisterspiele vorgesehen sind?

Und was ist, wenn die Fanszenen sich – wie im letzten Herbst – zu neuen Protesten zusammenschliessen, in den Stadien wieder in andere Sektoren umsiedeln und damit die Sicherheitskonzepte der Klubs auf eine harte Probe stellen?

GC liefert mir im Moment genug Drama auf dem Rasen. Auf einen weiteren Nebenschauplatz würde ich als Fan gerne verzichten.

Sicarius
Beiträge: 397
Registriert: 11.12.16 @ 22:30

Re: La repression

#2504 Beitrag von Sicarius »

https://www.nzz.ch/sport/der-forscher-u ... ld.1824736
Der Forscher über Fussball-Fangewalt sagt: «Die Forderung ist oft: Das muss jetzt aufhören. Solche Erwartungen sind unrealistisch»
Nachdem über 500 Luzerner Fussballanhänger an Ostern die Teilsperre des Stadions in St. Gallen ad absurdum geführt haben, greift Ratlosigkeit um sich. Was tun gegen Fangewalt? Eine Einordnung mit einem Wissenschafter.

Peter B. Birrer
06.04.2024, 21.45 Uhr 6 min


Herr Brechbühl, in St. Gallen wurde am Ostermontag die Luzerner Fangruppe in den Stadionsektor geleitet, den die Behörden gesperrt hatten. Hätte es eine andere Lösung gegeben?

Die Fans einkesseln und kontrollieren? Mit welcher Konsequenz? Das birgt immer ein Risiko, weil die Spannungen steigen. Zudem braucht es dafür viele Polizeikräfte. Am Ende geht es um das Thema Sicherheit und Verhältnismässigkeit. Da die Luzerner Fans keine gewalttätigen Absichten zeigten und im Besitz von regulären Tickets waren, war ein Öffnen des Gästesektors vermutlich die pragmatischste Lösung.


Die Fangruppen werden nicht nur in St. Gallen wie durch einen Gitterkorridor ins Stadion geführt. Allein das entfaltet bei Aussenstehenden eine heftige Wirkung.

Das ist zwar unschön und kann ein irritierendes Gefühl für Stadionbesucher erzeugen. Insgesamt hat sich das Konzept der Fan-Trennung aber bewährt. Gerade bei hoher Rivalität, dann suchen sich Fangruppen teilweise auch aktiv. Zäune sind da das einfachere Mittel als ein Polizei-Cordon.

Zuvor, am Ostersamstag, mussten in Luzern zwei vermummte Fangruppen aus Luzern und St. Gallen am Rande eines Nachwuchsspiels im Niemandsland von der Polizei voneinander ferngehalten werden. Was läuft da ab?

Dabei handelte es sich wohl um einen Ausweicheffekt. Das Ausleben einer derartigen Rivalität wird in der Literatur auch mit einer Überidentifikation in Verbindung gebracht. Woher diese Rivalität zwischen Luzern und St. Gallen kommt, ist nicht gänzlich geklärt. Da gibt’s mal einen Vorfall, und es folgt die Retourkutsche. Der darauffolgende Teufelskreis ist dann schwierig zu durchbrechen. Und es gibt Leute, die eine Rivalität in gewaltsamem Stil ausleben wollen.

Die wollen einfach kämpfen und aufeinander los.

Früher waren das eher reglementierte Treffen. 20 gegen 20. Keine Waffen, dort treffen wir uns. Ein fairer Kampf. Heute kommt es vermehrt zu überfallartigen Angriffen. Und in Ultra-Kreisen ist der Faktor der Territorialität wichtig. Wir sind hier in eurem Territorium, laut, auffällig, und ihr könnt nichts dagegen tun.

Zur Person
Alain Brechbühl
PD
Alain Brechbühl
Der Sportwissenschafter ist Projektleiter der Forschungsstelle Gewalt bei Sportveranstaltungen an der Universität Bern. Die Stelle wird von den SBB, der Swiss Football League, den Kantonen und dem Bund mitgetragen. Der 37-Jährige ist Mitverfasser diverser Berichte zum Thema Gewalt bei Sportveranstaltungen.
Fankurven wirken teilweise gut organisiert.

Ja, da scheinen auch kreative und gescheite Köpfe dahinterzustecken. Die Kurven sind gut vernetzt untereinander, auch Kurven-übergreifend. Zum Beispiel, wenn’s darum geht, Protestaktionen zu orchestrieren. Die Ultras übernehmen eine Art Protest-Identität, das ist ein Kennzeichen der Schweizer Fankultur.


Im Moment gegen einschränkende Sicherheitsmassnahmen. Aber auch gegen den modernen Fussball mit seiner Kommerzialisierung und damit einhergehenden Phänomenen wie der Vermarktung in den Medien. Sie sind für regional verankerte Klubs, die den Dialog mit den Fans pflegen. Und gegen Klubführungen, die sich abkapseln und von irgendwoher Geld nehmen.

Das Thema Fangewalt bleibt. Ist die Lage eigentlich besser oder schlimmer geworden?

Die Statistik der letzten Saison deutet auf eine positive Entwicklung hin, die Zahlen sind gesunken. Ob das Bestand hat, wird sich zeigen. Die Qualität hingegen ist schwierig zu bewerten.


Wenn Gewalt ausbricht, ist sie heftiger geworden.

In der letzten Saison hatten wir in der Deutschschweiz zwei happige Zwischenfälle. In Basel gingen Fans auf den eigenen Sicherheitsdienst los, es gab schwere Verletzungen, und dort waren nicht nur 20 Fans beteiligt. Und die schweren Krawalle in der Stadt Luzern.

Sicherheitsexperten sagen, dass sich die Fronten rund um das Fussballfan-Wesen verhärtet hätten.

Zumindest der Bruch zwischen der Liga und den Behörden zum Kaskadenmodell scheint dies zu bejahen. Trotzdem muss man am Ende zusammenarbeiten, anders geht es nicht.

Das war schon einfacher.

Ich bin optimistisch, dass man sich früher oder später wieder findet. Der Dialog mit den Fankurven war schon vorher nicht einfach. Er ist jetzt noch schwieriger geworden. Die Kurven verlangen eine offene und realistische Diskussion und haben sich dem Dialog zum Kaskadenmodell entzogen.

Das Kaskadenmodell umfasst vier Eskalationsstufen, gewisse Vorfälle lösen automatisch Massnahmen aus bis zur Sperrung der Heimkurve. Es steht aus zwei Gründen in der Kritik: zu wenig Prävention, zu viel Kollektivstrafe.

Bei den bisherigen Kaskadenmodell-Massnahmen scheint in Klubs und in Fankreisen das Gefühl entstanden zu sein, dass man nur pro forma noch angehört wird, die Massnahmen aber längst stehen. Zum anderen hatten wir die Vorfälle in Basel und Luzern, wo auch behördenseitig eine Reaktion gezeigt werden musste. Die Fans reagieren aber empfindlich darauf, wenn das Kollektiv tangiert ist. Am gewalttätigen Vorfall mit YB-Fans in Zürich im September 2023 war nur ein kleiner Teil involviert. Da wurden diskussionslos Grenzen überschritten. Aber mit der Sperre der Fankurve sind mehrere tausend Personen betroffen, die mit dem Vorfall in Zürich nichts zu tun haben. Viele waren nicht einmal an besagtem Spiel.

Führt so etwas eher zu einer Solidarisierung mit Leuten, die Grenzen überschreiten – und weniger zur Selbstregulierung der Kurve?

Die Forschung deutet in diese Richtung. Kollektive Massnahmen schaffen Bedingungen für eine Solidarisierung. Schlimmstenfalls werden gewaltsame Handlungen anderer Fans als legitim wahrgenommen, im Sinne von: «Der wehrt sich absolut zu Recht.» Man schafft eine gemeinsame Identität: Widerstand gegen die Behörden. Es zeigen sich aber auch Kurven-übergreifend Solidarisierungseffekte.

Warum funktioniert die Selbstregulierung der Kurven nur beschränkt?

In aufgeheizten Situationen ist es für die führenden Köpfe in der Kurve schwierig, alle im Griff zu behalten. Oftmals sind es schlicht zu viele Personen. Gerade Affekthandlungen sind kaum zu regulieren. Da helfen auch harte Strafen wenig. Man muss sich vorab bestmöglich absprechen, organisieren. Ist Zeit vorhanden, ist die Koordination oftmals beeindruckend. Aber eine Garantie für friedliche Spiele gibt auch das nicht.

Die Kurven haben starken Zuwachs erhalten. Warum?

Der FC Zürich braucht mittlerweile meist zwei Extrazüge. Das Fussballspiel wirkt anziehend, vor allem auf junge Männer. Da kann man etwas erleben, angefangen beim Extrazug, der mit einem Ausgehlokal verglichen werden kann. Beim Matchbesuch können Grenzen ausgetestet und teils auch überschritten werden. Auch das Gemeinschaftsgefühl ist wichtig: zusammen in einer anderen Stadt, im Stadion. Und zusammen wieder zurück nach Hause. Auch Aspekte wie das Darstellen von Stärke, Kampf oder Widerstand können anziehend wirken.

In welche Richtung müsste es gehen, damit die Fangewalt eingedämmt werden kann?

Aus wissenschaftlicher Sicht erkenne ich keinen Hebel, der eine sofortige Eindämmung gewährleisten kann. Ein solcher existiert ja auch in anderen Bereichen nicht, in denen wir Delinquenz haben. Warum soll es im Massenphänomen Fussball anders sein? Es sei denn, man spielt nur noch ohne Publikum. Aber das ist keine Lösung, weil Verschiebungseffekte programmiert sind. Die Forderung ist aber oft: Das muss jetzt aufhören. Durchgreifen. Solche Erwartungen sind unrealistisch und zu dämpfen.


Was ist zu tun?

Der andere Teil ist langfristige Arbeit, die nicht so schnell zu erkennen ist. Ja, es gibt Individuen in den Kurven, die Gewalt suchen und ausüben. Man muss diese in mühseliger Arbeit identifizieren und fernhalten, doch so bleiben die Sanktionen auf die Täter bezogen. Gleichzeitig darf der Dialog mit den Kurven nicht abbrechen. Man muss früh ansetzen, weil sich in 10 Jahren ganz andere Leute in den Kurven aufhalten. Eine wirkliche Gewaltprävention beginnt bereits im Kindesalter.

Im Verhältnis zu den Spielerlöhnen könnten die Klubs mehr Fanarbeit leisten.

Sicherlich dürfte der eine oder andere Klub mehr investieren. Ein simples Abschieben der Prävention auf die Klubs greift mir aber deutlich zu kurz. Sie ist auch für die Städte und Behörden ein wichtiger Punkt. Auch da ist sicher mehr möglich. Die Verantwortung ist gesamtgesellschaftlich.
GC Züri jetz und s'ganze Läbe lang!

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Re: La repression

#2505 Beitrag von Stadt Züri »


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Re: La repression

#2506 Beitrag von kummerbube »

Stadt Züri hat geschrieben: 12.04.24 @ 15:25 Denn sie wissen nicht, was sie tun

https://www.tagesanzeiger.ch/hooligan-k ... 2952337539
Wenn man dazu die Kommentare liest fühlt man sich wirklich ganz fest alleine, ausgesetzt im Reich der Mäfen. :o
atticus hat geschrieben: 28.05.21 @ 0:25Aber wahrscheinlich werde ich mich einfach dumm stellen und das Beste hoffen, wie meistens wenn es um GC geht.

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Re: La repression

#2507 Beitrag von Stadt Züri »

kummerbube hat geschrieben: 12.04.24 @ 18:34
Stadt Züri hat geschrieben: 12.04.24 @ 15:25 Denn sie wissen nicht, was sie tun

https://www.tagesanzeiger.ch/hooligan-k ... 2952337539
Wenn man dazu die Kommentare liest fühlt man sich wirklich ganz fest alleine, ausgesetzt im Reich der Mäfen. :o
Grundsätzlich habe ich lange an den Sachverstand der heisigen Menschen geglaubt. Was aber gerade beim
Fussball von der grossen Mehrheit der Bevölkerung bar jeder Sinnhaft-, Rechtsstaatlich- und Verhältnismässigkeit für Meinungen kolportiert werden, ist überaus besorgniserregend

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